Die Region Aachen und ihre neuen Vorbilder

Interview mit Felicia Kufferath-Kaßner

(Lesedauer: ca. 11 Minuten)

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Felicia Kufferath-Kaßner ist Gründerin von About The Story und Regionalsprecherin des Gründervereins NRWalley in Aachen. Ihre Karriere ist alles andere als geradlinig. Weil sie oft ihren Kopf durchgesetzt und hartnäckig an Ihre Ideen geblaubt hat, konnte sie sich gegen andere behaupten und erfolgreich gründen. Dabei spielen auch Netzwerke eine entscheidende Rolle. Wir haben sie nach ihrer Geschichte gefragt - und sie hat sie uns erzählt.

Wer ist Felicia Kufferath-Kaßner?

Das ist eine schwierige Frage! Zum einen bin ich Gründerin. Ich würde mich aber eher als Unternehmerin bezeichnen. Das ist es nämlich, warum ich eigentlich gründe: Weil mich das Unternehmerische interessiert. Dabei geht es gar nicht so sehr um das Produkt, sondern tatsächlich um die unternehmerische Tätigkeit. Und ich bin irgendwo ein Rebell, weil ich den Karriereweg immer anders gegangen bin, als er eigentlich für mich vorgesehen war - oder wie man es „normalerweise“ machen würde. In der Schule habe ich mich eher mit kreativen Fächern und Sprachen beschäftigt. Nach der Schule habe ich dann ein Studium gewählt, welches mir höchstwahrscheinlich einen guten Verdienst versprechen würde. Also entweder BWL oder Ingenieurwesen. Mein Vater ist Ingenieur, ich komme aus einer Unternehmerfamilie mit Familienunternehmen, da war der erste Gedanke natürlich, etwas zu studieren, womit ich vielleicht danach in das Familienunternehmen einsteigen könnte und in die Fußstapfen des Vaters treten. Ich hatte mich dann für das Ingenieurwesen entschieden. Das hat mir auch Spaß gemacht und ich habe das gut durchgezogen - es war aber nicht das Studium meiner großen Leidenschaft. Ich bin einfach kein Erfinder oder Tüftler. Ich habe das in erster Linie gemacht, weil ich gut darin war. Obwohl ich da viel nachholen musste, weil ich in der Schule ja eher die Sprachen gewählt hatte.

 

Heute sind Sie selbstständige Unternehmerin. Das war nicht immer so. Wie sind Sie hierhin gekommen? Und wie konnten Sie sich dabei als Frau durchsetzen?

Ich habe schon während des Studiums deutlich gemerkt, dass meine Interessen eher woanders zu finden waren. Ich hatte auch privat ganz andere Interessen als meine Kommilitonen. Ich hatte coole Freunde und prima Cliquen, aber die Freizeitgestaltung war doch sehr anders. Ich interessiere mich für Mode, Lifestyle und Ästhetik - für schöne Dinge - und mit meiner Mutter (Kunsthistorikerin) bin ich immer schon auf Flohmärkte gegangen. So wurde ich also schon früh an das Thema Antiquitäten und -handel geführt. Das war in meinem Studiengang ein eher ungewöhnliches Interesse. Und während des Masters habe ich dann für mich entschieden, nebenbei etwas zu tun, was mir so richtig Bock macht. Einfach mal etwas ausprobieren, etwas Ungewöhnliches, mich selbst verwirklichen und andere Erfahrungen sammeln. Also ganz anders als die im Studienverlaufsplan vorgesehen Praktika, die Studentenjobs in den Ingenieurfirmen oder -instituten. Und so habe ich mich entschlossen einen Online-Shop für Antiquitäten zu gründen. Online deshalb, weil es einfach ist. Ohne Ladenlokal oder Ähnlichem. Das konnte ich im Prinzip ganz einfach von heute auf morgen machen, das hat mir gefallen. Meine Eltern haben mich da auch unterstützt. Ich habe dann eine GmbH gegründet und so das erste Mal Gründerluft geschnuppert. Ich habe mich viel informiert, die IHK unterstützt da sehr. Ich habe dazu an Gründerwettbewerben teilgenommen und wurde gut unterstützt. Es ist ja gerade in Aachen mal etwas Anderes, wenn jemand im Bereich Lifestyle oder Consumer Products gründet, da war ich die Einzige. Das hat mir schon auch gefallen!
Aber so habe ich dann gleich die ersten Erfahrungen gemacht, dass man von anderen Gründern, die nunmal eher im Digitalisierungsbereich oder Industriebereich unterwegs waren, schnell abschätzig betrachtet wurde. Ich wurde da belächelt, weil es wohl ein bisschen „typisch Frau“ war mit Antiquitäten und Vintage-Schmuck. Was ja eigentlich gar nichts Negatives ist. Da aber in der Gründerszene leider 90 Prozent Männer unterwegs sind, wurde frau also belächelt. Da habe ich mich ehrlich gesagt manchmal etwas unwohl gefühlt. Weil ich ja aber immer mein Ding mache, habe ich es trotzdem durchgezogen. Und dafür, dass ich das neben dem Studium gemacht habe, war ich tatsächlich sehr erfolgreich! Den Gründungswettbewerb von AC2 habe ich dann nämlich gewonnen, verschiedene Förderungen vom Land NRW bekommen, auch für die Teilnahme an einer Auslandsmesse. Ich war in Paris auf einer großen Messe, ich habe in Berlin einen Store ausgestattet und das dortige Kunstgewerbemuseum. Das waren alles richtig coole Erfolgserlebnisse! Aber die Schattenseite war, dass alle diese tollen Dinge ganz weit entfernt waren von dem, was ich eigentlich studiert hatte - und irgendwann ist das Studium vorbei. Ich habe dadurch, dass ich gegründet habe, keine Zeit verloren. Meine Regelstudienzeit habe ich trotzdem eingehalten. Ich musste mich dann aber sehr bald der Frage stellen, was ich jetzt tun wollte. Industrie? Promotion? Kann ich vielleicht etwas Anderes machen? Zerstöre ich mir meine Karriere, wenn ich etwas Fachfremdes mache?

 

Wie und zu welchem Schluss sind Sie dabei gekommen?

Ich habe mir einfach einmal überlegt, was eigentlich passieren könnte, wenn ich ein Jahr lang Antiquitäten verkaufe. Da fiel mir nichts Schlimmes ein. Und dafür habe ich mich dann auch entschieden. Einfach, um etwas zu machen, was ich wollte, aber auch, um mir selbst zu beweisen, dass ich auch damit Karriere machen kann. Ich meine, was ist denn Karriere? Bedeutet das nicht auch, sich etwas zu trauen und Dinge auszuprobieren? Wenn auch nur für eine gewisse Zeit. Und als ich meinen Eltern dann verkündete, dass ich mich nun nicht bewerben, sondern genau das ein Jahr lang machen würde, waren sie, sagen wir eher mäßig begeistert. Sie haben mich aber trotzdem unterstützt. Auch finanziell. Das war auch wichtig, da ich nach und nach meine anderen Jobs aufgegeben habe, weil ich mich endlich einmal vollzeit auf etwas konzentrieren wollte, anstatt wieder fünf Sachen gleichzeitig und nichts davon in dem Sinne richtig zu machen. Und es hat mir große Freude bereitet.

 

Und wie lief das am Anfang ab?

Diese Medaille hatte natürlich eine Kehrseite: Ich war immer alleine mit dem, was ich tat. Ich hatte zwar Unterstützer und sogar mal einen Praktikanten, aber im Großen und Ganzen habe ich alles alleine gemacht. Mein Ziel war es, meine Idee groß zu machen und einen Marktplatz für Vintage-Schmuck zu schaffen. Ich habe leider in Aachen, sogar bis nach Köln, keine Mitstreiter finden können, obwohl ich tief in die Gründerszene integriert war. Diese Tür schloss sich, dafür ging eine andere auf. Ich habe dann nach einem Programmierer für die Onlineplattform gesucht, über das digitalHUB in Aachen, und jemanden kennengelernt, die auch gründungsinteressiert war. Sie hat mir geholfen alles aufzusetzen. Wir haben uns dabei näher kennengelernt, weil wir uns auf Anhieb recht gut verstanden haben. Sie erklärte mir ihre Technologie hinter dieser Plattform und, dass sie - gerade als Frau in der Programmierbranche - große Schwierigkeiten hatte diese an den Markt zu bringen und Kunden zu gewinnen. Man muss dazu sagen, dass es für sie als Wiedereinsteigerin mit Kindern eine besonders schwierige Situation war. Wir haben uns dann zusammengetan. Sie hat mir mit ihrer Technologie für meine Plattform geholfen und ich habe sie darin unterstützt erste Kunden zu gewinnen. Das war toll! Es war das erste Mal, dass ich nicht alleine dastand, sondern wir uns gegenseitig helfen konnten. Das ist gerade in der Gründerszene hilfreich. Hier will jeder sein Produkt an den Mann bringen, das führt manchmal schon zu Konkurrenzverhalten. Und es ist eher ungewöhnlich, dass man seine Zeit für jemand anderen aufbringt. Auch wenn es in der Szene immer heißt, man würde sich gegenseitig unterstützen (und stellenweise stimmt das auch), ist es meistens doch eher anders. Umso schöner war es, dass wir uns als Frauen zusammengetan haben. Daraus ist dann die zweite Gründung entstanden. Als sich langsam mehr Kunden für die Plattformtechnologie interessierten, bin ich in das Projekt miteingestiegen und wir haben begonnen, aus der Freelance-Arbeit ein Unternehmen zu machen. Gerade weil ich aus meiner Industrieerfahrung wusste, dass es im Bereich IOT-Anwendungen und Internet of Production ein großes Potential für solch eine Technologie gibt. Und am Anfang ging es steil bergauf: Wir hatten gleich einige Interessenten, haben die Technologie patentieren lassen und sind sehr schnell an den Markt gegangen. Das war eine wahnsinnig spannende Zeit. Leider so zeitaufwändig, dass ich meine ursprüngliche Idee nicht mehr so verfolgen konnte, wie geplant. Im Nachhinein ist das eigentlich schade, weil ich auch hier gerade meine ersten Erfolgserlebnisse hatte und es eigentlich hätte weitertreiben sollen. Ich habe aber alles stehen und liegen lassen für eine neue Idee, die mich interessiert hat, ein neues Unternehmerisch-tätig-sein. Und gerade dann, als wir am Markt angekommen waren, kam Corona. Das war für unsere Situation extrem schwierig und hat dann dazu geführt, dass unser Finanzierungsplan nicht mehr aufging und wir auf Investorensuche gehen mussten. Es war gar nicht so leicht sich als Frauen im IT- und Ingenieurbereich durchzusetzen. Wir haben das Gründerstipendium NRW gewonnen. Das war cool, weil auch da sehr viele Leute saßen, die uns sehr kritisch beäugt haben und nicht glaubten, dass „wir Frauen“ so ein Produkt an den Markt bringen könnten. Oder ein Unternehmen daraus machen. Es ging also langsam wieder voran. Und dann teilte mir meine Mitgründerin mit, dass sie aus dem Unternehmen austreten würde, um mehr bei Ihrer Familie zu sein. Es ist kein nine-to-five-Job. Und wenn dazu dann noch eine Krise kommt, wie Corona, dann wird es natürlich noch umfangreicher, damit man sich über Wasser halten kann. Da bleibt hinten nicht mehr viel Zeit für die Familie übrig. Ich selbst war dann aber nach knapp einem Jahr, die wir in das Unternehmen investiert hatten, wieder an dem Punkt, an dem ich nicht so genau wusste, wie es danach weitergehen sollte.

 

Nochmal einen Schritt zurück zum Moment der Gründung. Hatten Sie denn da nicht schon Ängste? Und wenn doch, wie haben Sie diese überwunden?

In erster Linie wollte ich allen, die an mir gezweifelt haben, beweisen, dass ich das kann und, dass so etwas funktioniert. Dass es nicht nur eine fixe Idee ist, sondern ich mir da gründliche Gedanken zu gemacht habe. Und dass, wenn ich mir so etwas in den Kopf gesetzt habe, ich das auch durchziehe. Natürlich kann man im Nachhinein viel darüber spekulieren, ob das Studium das richtige für mich war. Ich war gut, aber es war wirklich kein Leidenschaftsstudium. Aber ich habe mich selbst dafür entschieden und es deshalb auch zu Ende gebracht. Und nur darum hat es so gut geklappt. Genauso war es mit der Gründung. Ich habe eine Idee entwickelt, von der ich überzeugt war. Ich war nicht immer sicher, ob es erfolgreich würde, aber von meiner Idee, da war ich überzeugt. Und davon wollte ich auch andere überzeugen. Da spielt bestimmt ein gewisses Maß an Sturheit rein. Und wenn an mir gezweifelt wird, werde ich vielleicht auch ein wenig bockig. Ich kann Ungerechtigkeiten nicht leiden. Daher habe ich einen großen Drang allen denen, die an den Ideen zweifeln, weil ich eine Frau bin, oder weil es zum Beispiel eine Lifestyle-Idee ist, zu zeigen, dass sie unrecht haben. So war ich schon immer. Schon in der Schule, wenn jemand eine ungerechte Note bekommen hat. Das Schlimmste ist es, sich von anderen runterziehen zu lassen, die einen klein reden wollen. Jeder hat eine Meinung. Auch ich selbst stehe vielen Ideen kritisch gegenüber, umso wichtiger finde ich es, dass man sich für seine Idee einsetzt und dafür kämpft.
So war es auch bei der zweiten Gründung. Wenn die Krise bei meiner Mitgründern Zukunftsängste ausgelöst hat, habe ich gesagt, dass wir das trotzdem schaffen können. Ich bin jemand der sich dann wehrt. Da waren wir sehr unterschiedlich.

 

Liegt das vielleicht daran, dass Sie schon Gründungserfahrung hatten?

Vermutlich. Es ist eben eine ständiges Auf und Ab. Man muss sich an den Erfolgserlebnissen entlang hangeln. Das habe ich immer gemacht. Und ganz ehrlich: auf jeden Erfolg, der in meinem Lebenslauf steht, folgte auf dem Fuße ein Bergab-Moment. Ich war auf der Pariser Messe und sofort am ersten Tag ausverkauft. Alles ging an einen Kunden. Ich habe alles versendet - und es kam kaputt an. Die Versicherung ist nicht eingesprungen und nach dem Rechtsstreit kam ich hinterher doch ohne Gewinn heraus. Aber ich halte mich daran fest, dass ich in Paris ausgestellt habe und am ersten Tag ausverkauft war. Aus dem, was darauf folgte habe ich gelernt und es bringt mich trotzdem weiter.
Vielleicht ist das auch oft eine Eigenschaft von Frauen, dass sie sich zu leicht von dem beeinflussen lassen. Ich glaube schon. Und unsere Coaches beim Gründerstipendium haben uns dann darauf hinwiesen, dass Corona die Situation erschweren würde und man die Risiken eher klein halten sollte. Ich habe in dem Moment nur daran gedacht, wie man die Kunden in dieser Situation wahrscheinlich wunderbar über soziale Medien erreicht und wollte darin investieren. Da waren wir uns aber sehr uneinig. Ich wollte kämpfen und sie ein Scheitern verhindern. Oder dem zuvorkommen. Und bei mir ist erst dann Schluss, wenn gar nichts mehr geht.

 

Dazu steht ganz passend in Ihrer Vita „Glück ist es, rechtzeitig zu erkennen, was eine Chance ist und was nicht.“ Warum, denken Sie, dass dieser Blick heute vielen fehlt?

Ich glaube, dass Ängste heute überwiegen. Und Angst macht blind. Dadurch sind viele nicht empfänglich für Chancen, die sich ergeben könnten. Da fehlt das Grundvertrauen. Ich habe selber oft Zweifel, vor allem an mir selbst und ich habe auch schlechte Tage, an denen meine Laune mich kaum aus dem Bett treibt. Aber ich bleibe davon überzeugt, dass sich Türen öffnen, wo andere sich schließen.
Wir haben uns zum Beispiel mit der zweiten Gründung gerade ein neues Ladenlokal angemietet und komplett renoviert. Das war sehr ungünstig. Wir hatten drei Werksstudenten, denen wir von jetzt auf gleich kündigen mussten, einen Praktikanten und einen Master-Studenten, dafür war das alte Büro viel zu klein. Und nun stand ich da mit einem tollen, frischen Ladenlokal mit großem Schaufenster in guter Lage. Dazu muss ich sagen, dass ich in einer TV-Show für Trödler mitwirke, was dazu geführt hat, dass sich mehr Menschen für meinen Schmuck interessieren. Die Türe beim einen Unternehmen schloss sich also und sofort öffnete sich eine als Möglichkeit für meinen Antiquitätenhandel. In dem Mietvertrag hing ich eh noch eine Weile, daher eröffnete ich dort einen Store. Darüber hatte ich vorher nie nachgedacht. Und was sollte ich sonst tun? Mich in Coronazeiten versuchen in der Industrie zu bewerben? Die Zeit habe ich lieber genutzt um etwas aktiv zu gestalten. Und zum Glück war es bei mir bisher immer so. Es tun sich immer wieder neue Chancen auf, man muss sie nur erkennen. Und dieses Grundvertrauen zu haben ist schwer. Aber es ist doch wünschenswert, wenn viele Frauen WISSEN, dass sie gut sind. Jeder ist in etwas gut. Und hierzulande sind wir ja relativ gut abgesichert. Ich finde schon, dass man da auch mal auf sich selber vertrauen und sagen kann: „Ich werde das schon schaffen!“ Und auch wenn etwas scheitert, kann ich danach wieder aufstehen und weitermachen.

 

Aber dieses Vertrauen scheint ja geprägt von Rückschlägen. Dieses Auf und Ab. Wie beurteilen Sie Rückschläge allgemein für die eigene Entwicklung?

Natürlich gibt es Rückschläge, die einen in die Knie zwingen können, wenn es zum Beispiel finanziell schlimm wird. Und ein so großes Risiko würde ich selbst jetzt auch nicht eingehen. Aber ich wüsste ansonsten nicht, was mir jetzt passieren könnte, das mich in dem Sinne vernichten könnte. Das einzige, was immer wieder vernichtet wird ist das Selbstvertrauen. Daran muss man eben arbeiten, es sich wiederaufbauen. Dafür hat man dann aber Familie und Freunde, die einen dabei unterstützen können und einem Mut zureden. Genau deshalb finde ich es wichtig, dass es in Zukunft mehr Gründerinnen und andere Frauen gibt, die sich gegenseitig unterstützen und Mut machen können. Ich bin heilfroh, dass ich über ein Gründernetzwerk eine andere Frau kennengelernt habe, die mit ihrer Mitgründerin genau das gleiche erlebt hat. Und sie hat mir Mut zugeredet und gesagt: „Hey, ich habe das auch mitgemacht, achte auf dieses und auf jenes“, um mich vor Fehlern zu bewahren. Und ich finde es sehr wichtig, dass man sich da findet. So etwas würde ich jedem wünschen. Ich finde es gut, dass Sie daran arbeiten und das wollen wir mit NRWomen auch. Das ist absolut wichtig. Vor allem regional in Aachen.

Ist das für Aachen besonders wichtig?

Auf jeden Fall. Gründerinnen und Frauen mit Karriereambitionen sind hier eine seltene Spezies! Das muss sich ändern!

 

Noch eine letzte Frage zu Rückschlägen und Fehlern: Gibt es Fehler, die Sie, wenn Sie heute am selben Punkt stehen würden, genauso noch einmal machen würden, weil Sie dadurch weitergekommen sind?

Die meisten nicht! Ich habe zum Glück aus fast allen etwas gelernt - andere Sachen waren nicht zu vermeiden. Es gibt aber Fehler, bei denen ich sage, dass es zum dem Zeitpunkt, zu dem ich mich für eine Aktion entschieden habe, das Beste und Richtigste war. Also war diese „falsche“ Entscheidung zum Zeitpunkt nicht falsch. Und wenn ich die Zeit zurückdrehen würde, würde ich wieder so entscheiden. Wenn man sich darüber klar wird, fühlt man sich auch gar nicht mehr schlecht. So kommt man mit sich ins Reine. Man muss sich zumindest nicht für Fehler grämen. Ich persönlich versuche aus meinen Fehlern zu lernen und sie nicht wieder zu machen. Ich habe auch Entscheidungen getroffen, von denen ich den Ausgang noch nicht kenne. Das macht mir natürlich manchmal Angst. Ich weiß noch gar nicht, wie sehr mir die Trennung der letzten Gründung noch nachhängen wird. Ich bin mir bewusst, dass das eine schwierige Einstellung ist und ich hoffe, dass ich nicht lange davon geprägt sein werde. Denn das würde bedeuten, dass ich mich potentiellen Chancen verwehren müsste, nur, weil sie an anderen hingen.

 

Aber Sie haben ja wieder jemanden gefunden, mit der Sie sich austauschen können. Und Chancen finden heißt in diesem Falle ja vernetzt bleiben. Für wie wichtig erachten Sie Frauennetzwerke, um beruflich Rückhalt und Chancen zu haben?

Ich finde Netzwerke sehr wichtig - wenn sie ehrlich sind. Da sehe ich das größere Problem. Es gibt heutzutage wirklich viele solcher Netzwerke. Aber bei den meisten möchte man gar nicht bleiben. Man bekommt schnell das Gefühl, dass die Frauen dort nicht ehrlich sind und nicht an der Gemeinschaft interessiert sind, sondern nur ihr eigenes Produkt anbringen möchten. Die Leute geben da nichts in die „Gemeinschaft“. Was auch daran liegt, dass eine Kultur des Scheiterns in Deutschland noch nicht angekommen ist. Und Frauen scheinen ein noch größeres Problem damit zu haben, Fehler zuzugeben. Man öffnet sich, wird verwundbar, wenn man erzählt, was man durchlebt hat. Das fehlt uns. Und wenn es ein Netzwerk gäbe, bei dem das so ist, wäre ich sofort dabei! Aber daran müssen wir noch arbeiten. Ich war einmal als Speakerin auf einem reinen Frauenpanel. Das war zu der Zeit, als in Deutschland die ersten Events à la „Fuck-Up-Stories“ stattfanden. Mir wurde freigestellt worüber ich rede, es sollten nur meine eigenen Erfahrungen sein. Und ich habe mich dazu entschieden von meinen schlechten Erfahrungen zu berichten, damit die Frauen im Publikum aus meinen Fehlern lernen könnten. Mir selber kann ich nicht mehr helfen, ich habe die Fehler schon gemacht, aber wie schön ist es denn, jemand anderen davor zu bewahren? Ich kann mich nicht daran befriedigen, dass jemand anderes denselben Fehler auch macht. Das macht meinen nicht wett. Die Reaktionen waren sehr gemischt. Aber schon während des Vortrags kamen die ersten Wortmeldungen: Wie dämlich ich doch gewesen sei einen bestimmten Fehler zu machen oder wie klar doch eine andere Lösung auf der Hand gelegen hätte. Ich habe mich nur gefragt, was es denjenigen an dieser Stelle gegeben hat, mich auf der Bühne bloßzustellen. Während des Vortrags war das ganz schlimm für mich. Dafür gab es nach dem Vortrag viele Frauen, die zu mir kamen, um mir zu sagen, wie toll sie es fanden, einen so ehrlichen Vortrag zu hören und wie gut sie sich damit identifizieren könnten. Zu manchen habe ich bis heute Kontakt! Das war schon eine tolle Erfahrung. Aber am Tag darauf hätte ich einer Wiederholung wahrscheinlich niemals zugestimmt. Jetzt ist das wieder anders. Aber ich finde so etwas darf einfach nicht sein. Gerade wir als Frauen müssen uns doch gegenseitig unterstützen anstatt uns fertig zu machen! Und das ist auch der Grund, warum sich so wenige Frauen trauen, über ihre Fehler zu sprechen.

Ist die Konkurrenz da also größer als der Zusammenhalt?

Ich glaube nicht, dass es eine Konkurrenz ist in dem Sinne, dass alle das gleiche verkaufen wollen oder, um besser dazustehen. Man muss bei diesen Netzwerkveranstaltungen sowieso immer aufpassen. Man hat immer 50 Prozent Leute, die ehrlich Kontakte aufbauen wollen, an Freundschaften und Austausch interessiert sind, und 50 Prozent Akquise. Die Hälfte sind also Leute, die einfach nur Dienstleistungen verkaufen wollen. Und die, die mich zum Beispiel bei dem Vortrag angegangen sind, waren im Nachhinein tatsächlich von der letzteren Gruppe. Die haben mich also schlecht dargestellt, um anderen Teilnehmerinnen ihre Beratung verkaufen zu können. Das beruhigt einen dann auch wieder ein bisschen. Das ist aber die Art Konkurrenz, die man meistens findet. Ich frage mich eher, warum man zu solchen Mitteln greifen muss. Ich hoffe auch, dass ich Recht habe und die Konkurrenz nicht größer ist als der Zusammenhalt.

 

Wir vom Kompetenzzentrum Frau und Beruf versuchen ja auch mit griffigen Maßnahmen, eine familienfreundliche Arbeitspolitik zu etablieren und damit vor allem Frauen und weibliche Karrieren zu stärken. Welche Aspekte halten Sie hier für besonders wichtig?

Aus meiner jetzigen Perspektive gebe ich natürlich zu, dass ich mir sehr viele Gedanken darüber mache, wie meine nächsten Schritte aussehen. Und irgendwann werde ich mich wahrscheinlich bewerben müssen. Ich bin jetzt 30 und das ist natürlich ein Alter, wo der Arbeitgeber erwartet, dass man wohl bald Familie gründen müsste. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein männlicher Bewerber in dieser Situation vorgezogen würde. Ich weiß es nicht sicher, aber ich höre es. Daran sollte dringend gearbeitet werden. Ich stelle es mir zumindest schwierig vor, mich in meiner Altersgruppe durchzusetzen. Da müsste sich schon im Allgemeinen etwas ändern. Es wird ja auch schon besser: Alleine dadurch, dass Männer jetzt ebenfalls in Elternzeit gehen. Das nimmt für die Frauen natürlich in diesem Punkt schon den Druck vom Kessel. Aber es ist immer noch nicht ganz angekommen. Ich denke, dass es an diesem Punkt an den Männern ist, mehr in Vaterschaft zu gehen. Dann wird Frauen auch der Einstieg eher ermöglicht. Es darf ja nicht verwerflich sein, das zu nutzen, was einem das Arbeitsrecht gewährt. Wenn dann aber die soziale Sanktion kommt und man schief angesehen wird… Ja, ich denke es müssen insgesamt mehr Männer in Elternzeit gehen, damit hier eine Chancengerechtigkeit entstehen kann.

 

Als Gründerin, Unternehmerin, als Vorsitzende bei NRWalley wissen Sie um die Wichtigkeit guter Arbeitsbedingungen - von allen Seiten. Welche Bedeutung messen Sie einer familienfreundlichen Arbeitspolitik für die hiesige Wirtschaft bei?

Ich glaube, dass das sehr viele Impacts haben wird. Zum einen werden in Zukunft einfach viel mehr Menschen arbeiten. Das heißt, dass die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt steigen wird. Heutzutage hat fast jeder studiert, das ist nichts Besonderes mehr. Und wenn Frauen wiedereinsteigen, ist die Konkurrenz noch mal größer. Für die Arbeitgeber ist das natürlich gut. Die haben viel Auswahl und geringe Kosten. Den Fachkräftemangel haben wir ja, weil niemand mehr die klassische Ausbildung macht. Für mich zum Beispiel sind gerade keine Stellen ausgeschrieben. In meiner Branche bekomme ich entweder einen Neulingsjob gleich nach dem Studium oder brauche zehn Jahre Berufserfahrung. Dazwischen gibt es nichts. Wenn ich mich mit meiner Vita jetzt mit 30 bewerbe, dann für dieselbe Stelle wie jemand, der frisch aus dem Studium kommt. Und das finde ich nicht cool. Das verfolgen wir ja auch mit NRWalley: Die Erfahrung, die man in einem Start-Up sammelt, müsste ja ebenfalls als Berufserfahrung bewertet werden, genau wie bei Angestellten. Das ist aber nicht so. Es wird heute leider oft noch als vertane Zeit gesehen. Ich weiß ja auch nicht, ob ich jetzt, noch einen Zugang zu einem Industrieunternehmen finde. Das schreckt bestimmt viele ab. Und ich glaube nicht, dass das ein Genderproblem ist, aber dass Männer sich in so einer Situation geschickter verkaufen. Und das liegt daran, dass wir Frauen unser Scheitern noch nicht zu vertreten gelernt haben.

Haben nach Ihrer Meinung Frauen gegenüber Männern Vorteile als Arbeitnehmer?

Das kommt ganz auf die Stelle an. Wenn es um kreative Ansätze und ein Out-of-the-box-Denken geht, glaube ich schon, dass viele Frauen ideenreicher sind. Aber ich glaube so pauschal kann man das einfach nicht sagen. Ich sehe einfach nicht, worin Frauen schlechter sein sollten. Ich finde es auch nicht wichtig, wer wo besser ist. Ich sage aber ganz deutlich, dass Frauen und Männer gleiche oder zumindest gleich viele Qualitäten mitbringen. Warum sollten wir so anders sein? Es gibt vielleicht Qualitäten, die uns eher liegen, aber auch nicht allen Frauen. Und bei Männern ist es ja genauso.

 

Wenn wir über die Förderung von Frauen sprechen, sind Sie mit NRWalley und gerade NRWomen ja ganz vorne mit dabei. Was konkret unternehmen sie denn für die Unterstützung von Frauen?

NRWalley ist ein politisch aktiver Verein. Auf unserer Agenda stehen verschiedene Punkte, die wir vorantreiben wollen. Dazu gehört auch die Familienfreundlichkeit bei Start-Ups. Das heißt spezielle Förderungen für Gründer mit Familie. Denn Gründen heißt nun mal KEINEN sichereren Job zu haben, es heißt auch NICHT in Elternzeit gehen zu können, mit Lohnfortzahlung. Da sollte es vom Staat eine Förderungsmöglichkeit geben. Damit man die Möglichkeit hat, sich selbstständig zu machen, sich etwas aufzubauen und trotzdem seine Familie zu ernähren. Dafür setzen wir uns ein. Von diesem Gedanken her, ist es dann nahe gewesen, Frauen und Mütter stärker in den Fokus zu nehmen. Und dafür haben wir eine eigenen Initiative gegründet. Es ist ja derzeit auch ein heißes politisches Thema. Wir arbeiten sehr daran, gute Bedingungen zu schaffen, damit Frauen neben ihren Unternehmen eine Familie gründen können. Und wir wollen nicht nur die Feminismuskeule schwingen. Umso wichtiger ist es, dass bei uns auch Männer mitarbeiten, die diese Meinung vertreten. Die sehen, dass Frauen im Start-Up-Bereich benachteiligt werden und aktiv etwas dagegen tun. Weil das Thema auch für alle wichtig ist.
Wir arbeiten ebenfalls eng mit dem Wirtschaftsministerium zusammen und erfahren dort große Unterstützung, auch mit großen Mittelständlern als Förderpartner. Unsere Events und Aktionen sind alle gefördert, aber sonst ist es ein komplett ehrenamtlicher Verein. Wir haben jetzt acht Regionen mit dabei und ich finde es schön, dass neben den Metropolen auch Aachen mit dabei ist. Hier wächst die Gründerszene gerade sehr.

 

Muss die Politik also noch stärker in die Pflicht genommen werden? Was könnten wir noch tun?

Als wir angefangen haben, unser Produkt an den Mann zu bringen - und es waren im Normalfall Männer - war das wirklich nicht einfach. Meine Mitgründerin sieht jung aus, ich bin jung und sehe so aus. Jetzt kommen wir bei den Unternehmen an und wollen hochpreisige IT-Produkte verkaufen. Da wird man als Frau schon sehr schräg angeschaut. Da fände ich es zum Beispiel wichtig, wenn Frauen hierfür mehr Förderung bekämen. Also grundsätzlich zu Dingen wie „Wie verkaufe ich mich selbst“ oder „Wie setze ich mich in solchen Verhandlungen besser durch“, gerade in Bezug auf männerdominierte Bereiche. Und es geht prinzipiell darum, wie frau in diesem Zusammenhang ihr Selbstbewusstsein stärken kann. Ich meine nicht, dass es da Kurse gibt, um den Absatz für eigene Produkte zu stärken, sondern wie man selbstbewusst bleibt, wenn man in solchen Verhandlungen steckt. Da haben wir einiges erlebt, von Männern, die uns ausgelacht haben und gesagt: „Frau Kufferath, was haben Sie denn bitte für eine Qualifikation, dass Sie meinen, hier so viel Geld verlangen zu können?“ In der Situation habe ich dem Herrn dann einfach einmal alles aufgezählt, was ich so gemacht habe, meinen ganzen Lebenslauf. Da war er schnell still. Aber die meisten Frauen würden sich so etwas wahrscheinlich nicht trauen. Ich habe es auch schon erlebt, dass andere Frauen da heulend rausgerannt sind. Da ärgere ich mich natürlich und frage mich, warum die MitstreiterINNEN dieses Klischee an dieser Stelle noch bestätigen müssen. Wir müssen dringend dafür sorgen, dass wir uns gegenseitig mehr Selbstbewusstsein geben. Und wir müssen lernen uns nicht ständig beirren zu lassen.

 

Sie haben mein nächstes Stichwort selbst genannt: Familienfreundlichkeit. Wie wichtig sehen Sie dies als Wirtschaftsfaktor?

Ich sage es mal so: Ich schaue ja momentan selber nach einer Teilzeitstelle. Ich habe meinen Laden und den möchte ich auch weiterführen, dazu aber in Teilzeit in der Industrie arbeiten. Alleine schon, damit ich im Beruf bleibe. Jetzt finde ich aber in Teilzeit für meine Branche nur Stellen für Sekretariatsjobs oder gar nichts. Alles, wofür ich mit meinem Lebenslauf qualifiziert wäre, wird nur in Vollzeit besetzt. Das ist natürlich eine schwierige Sache. Ich frage mich wirklich, warum viele gute Positionen nicht in Teilzeit angeboten werden und man einfach mehr Leute einstellt. Ja, es ist ein wenig teurer, aber es gibt dem Unternehmen doch auch eine Sicherheit. Und es ist doch klar, dass die Unternehmen auch sonst davon profitieren können. Wenn die Angestellten in Teilzeit - und es muss ja nicht Halbtags sein - sich gut aufgehoben fühlen und glücklich mit ihrer Stelle sind, leisten sie doch mehr als die, die unglücklich in Vollzeit angestellt sind.

 

Zum Abschluss noch Ihr Tipp an alle Frauen, die sich beruflich entwickeln wollen!

Ich weiß gar nicht, ob meine Tipps so viele Frauen ansprechen… Das hilft vielleicht eher Absolventinnen. Aber ich rate Euch, wenn Ihr noch nicht wisst, was Ihr machen wollt, überlegt Euch erstmal, was Euer Ding ist. Probiert auch ein paar Dinge aus. Das kann Euch keiner mehr nehmen. Viele bewerben sich nach dem Studium, ohne sich da größere Gedanken zu machen. Findet heraus, was Ihr machen wollt und dann zieht Euer Ding durch und lasst Euch dabei nicht von anderen beirren. Und das Wichtigste: seid selbstbewusst!

Für weitere Informationen über Felicia Kufferath-Kaßner und ihr Unternehmen, besuchen Sie


https://aboutthestory.co/

 

Das Projekt „Die Region Aachen und ihre neuen Vorbilder“ ist eine Initiative des Kompetenzzentrums Frau und Beruf Region Aachen und soll die Sichtbarkeit von Möglichkeiten zur Karriereentwicklung von Frauen erhöhen.

 

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Das ganze Interview zum Download
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